CIAO INGO

CIAO INGO

Lieber Ingo,

mein (journalistischer) Alltag beginnt in der Regel mit unserer Konferenz um 10.30 Uhr. Zu dieser werden die landesweit Verantwortlichen für die Inhalte – unsere Content-Unit-Leiter – sowie die Leitungen unserer beiden Print-Deske und unseres Online-Desks zusammengeschaltet. Zunächst besprechen wir, was in der Nacht passiert ist und was an Themen im Laufe des Tages, sofern diese denn vorhersehbar sind, auf uns zukommen. Im Anschluss folgt in der Regel die Frage: „Wer aus der Chefredaktion schreibt ein ‚Moment mal'“, unsere fast täglich erscheinende kleine Glosse auf der Titelseite, der sogenannten „P1“.

Annähernd genauso regelmäßig habe ich ad hoc keine Idee. Und dennoch folgt der Satz: „Kann ich machen“, schaue in ein zufriedenes Gesicht von Print-Desk-Nord-Chef Alf Clasen in Büdelsdorf und gehe kurz in mich. Meist hab ich nach wenigen Minuten ein Thema und weitere wenige Minuten später kann ich in die Chat-Gruppe schreiben: „‚Moment mal‘ ist fertig – bitte lesen – danke!“

Ich habe lang nicht mehr so lang überlegt, was ich Dir, lieber Ingo, schreiben könnte. Klar: „Danke für die tolle Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben“, geht immer. Doch bist Du viel tiefer mit meiner (journalistischen) Biografie und damit mit meiner Biografie verwoben, als Du vermutlich weißt…

Im Oktober 1999 schrieb ich meine ersten Zeilen, damals für das „Quickborner Tageblatt“. Kurz darauf stieg ich in die Schülerzeitungs-Redaktion „08/15“ ein und lernte darüber den „Jugendpressefrühling“, die Jugendbildungsstätte, den Kreisjugendring, Dich und Andreas Dirbach kennen. Eben jener Andreas war es auch, der mich 2003 anhaute und fragte, ob ich nicht Lust hätte, 14-tägig im Wechsel mit ihm die „kreis online“-Seite in den Tageszeitungen des A. Beig-Verlags zu erstellen. Klar hatte ich Lust. Und ich traute es mir in dem Moment auch zu. Doch: „Worüber schreibe ich denn?“

Meine ersten Zeilen auf meiner ersten „eigenen“ Zeitungsseite, erschienen am Mittwoch, 24. Dezember 2003: „Jugendliche starten ins Neue Jahr! – Neues hören, gemeinsam aktiv sein, kreative Ideen haben: Das sind die Bausteine des lebendigen Lebens in der Jugendbildungsstätte in Barmstedt. Die Fortbildung für die Jugendarbeit wird auch 2004 im Victor-Andersen-Haus wieder ganz groß geschrieben“, lauteten Überschrift und Einstieg. Mein Gesprächspartner: Das warst Du, lieber Ingo.

Damals war ich 19 Jahre alt, freier Mitarbeiter, Zivildienstleistender, angehender Jura-Student und hatte vermutlich an alles geglaubt (und gehofft), aber nicht, dass ich nun, 20 Jahre später, dieser und 21 weiteren Zeitungen in Schleswig-Holstein vorstehe.

Du, lieber Ingo, warst einer, der mich auf diesem Weg stets begleitet hat – in sehr unterschiedlichen Situationen und auch Rollen. Mal war ich Teilnehmer eines Workshops, mal war ich Teamer eines Seminars. Mal war ich eine helfende Hand, wenn Du die Öffentlichkeit benötigt hast, mal hast Du mir geholfen, wenn ich ganz dringend ein Thema benötigte – meist im Hochsommer sowie um den Jahreswechsel. Zum Glück waren wir nur ein einziges Mal zusammen sehr traurig, manches Mal waren wir ernst, in der Regel lachten wir aber miteinander. In den zurückliegenden Jahren warst Du so Mentor, Trainer, Coach, Sparringspartner, Interview-Gast, Geschäftspartner und, und, und für mich. Doch eines war immer klar: Egal in welcher Rolle wir aufeinandertrafen, egal in welcher Situation wir uns befanden – uns verband all die Jahre über ein freundschaftliches, vertrauensvolles und respektables Verhältnis.

Lieber Ingo, ich bin unheimlich froh, dass wir uns vor gut 20 Jahren kennengelernt haben. Ich bin unheimlich glücklich, wenn ich an all das zurückdenke, was wir zusammen erlebt haben. Und ich bin Dir unheimlich dankbar für alles, was ich von Dir lernen durfte – und das war eine ganze Menge.

Du wirst, auch über den Ruhestand hinaus, immer einen wichtigen Platz in meiner Biografie haben. Und ich werde, solange ich Chefredakteur bin und selbst ausbilde, Jahr für Jahr über Dich sprechen – nämlich immer dann, wenn ich die neuen Volontärinnen und Volontäre begrüße. „Wie sind Sie zum Journalismus gekommen? Wie sind Sie in den Job gestartet?“, kommt grundsätzlich als Frage während der Einführungswoche. Und nur zu gern berichte ich dann von Dir, Ingo, dem Kreisjugendring Pinneberg und zeige – nicht ohne Stolz – meine erste „eigene“ Zeitungsseite. Auch wenn ich den Beitrag heute anders verfassen würde, nämlich unter dem Leitsatz von William Cuthbert Faulkner: „Schreib den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt auch den zweiten lesen will.“ – am Thema und vor allem am Gesprächspartner würde ich niemals etwas ändern wollen.

Ingo, vielen Dank für alles und alles Gute.